Shitstorm wegen einer Plus Size Schaufensterpuppe von NIKE

Shitstorm wegen einer Plus Size Schaufensterpuppe von NIKE

Große Aufregung im Netz: die britische Zeitung “The Telegraph” hat am 09.06.2019 einen provokanten Artikel der Kolumnistin Tanya Gold veröffentlicht, der in den sozialen Medien heftig und emotional diskutiert wird.

Anlass zu dem Artikel und dem damit verbundenen medialen Wirbel ist eine Schaufensterpuppe, die der amerikanische Sportartikelhersteller NIKE in seinem Flagship Store in London enthüllt hatte. Das besondere an dieser Puppe ist, dass sie einen Plus Size Körper nachempfunden ist und somit von den gängigen Maßen einer Schaufensterpuppe abweicht.

Auf der einen Seite könnte man jetzt ganz nüchtern feststellen, dass es nur eine Puppe ist, die in dem Fall Sportkleidung präsentiert, die es in dem Laden zu kaufen gibt. Aber dann wäre die Geschichte der Schaufensterpuppe ja an dieser Stelle zu Ende erzählt.

Tanya Gold nahm die Enthüllung der Puppe in dem Londoner Geschäft zum Anlass NIKE in ihrem Artikel anzugreifen: der Sportausrüster bewerbe Fettleibigkeit und verkaufe den Frauen eine gefährliche Lüge. Sie schrieb weiter, dass die Körperform, die durch die Puppe dargestellt wird, nicht laufen könne, an Diabetes leidet und auf eine neue Hüfte wartet.

Die Bodypositivity Gemeinde feiert NIKE hingegen schon länger für ihre Werbekampagnen im Diversity Kontext. Der Sportartikelhersteller sorgte in der Vergangenheit bereits schon öfter für Aufsehen, beispielsweise als er seine Sport-Hijabs (Kopftuch) vorstellte oder die feministische “Dream Crazy” Kampagne in Zusammenarbeit mit der Tennisspielerin Serena Williams präsentierte. Jüngst kündigte NIKE an, dass sie nach der Plus Size Schaufensterpuppe eine Figur aufstellen wollen, die einen Mensch mit Behinderung darstellt.

NIKE tritt damit für Gleichberechtigung und Vielfalt ein und spricht gleichzeitig unterrepräsentierte Zielgruppen an. Ein schlauer Schachzug, wie ich finde. NIKE setzt sich durch diese Strategie imagefördernd von seinen Konkurrenten ab. Sie “trauen” sich als Weltmarktführer für Sportartikel, ihr Sortiment für die scheinbar Unsportlichen zu öffnen und rücken diese auch noch in ihrer Werbung in den Fokus. Konsumenten, die vorher nie bedacht worden sind und deren Kaufkraft nie gewollt war, zählen auf einmal. Und hiermit meine ich nicht nur dicke Frauen wie im Fall der Schaufensterpuppe, sondern Frauen allgemein.

Aber warum schreibt Tanya Gold so abfällig über dicke Menschen?

Der erste Punkt, der mir dazu einfällt ist, dass nun alle Welt ihren Namen kennt. Denn wenn man sich die Artikel anguckt, die sie sonst beim “The Telegraph” veröffentlicht, sind das eher Zuschauerberichte zu Reality TV Shows oder Infos aus der Gerüchteküche. Im “The Guardian” veröffentlichte sie ihren Erfahrungsbericht als trockene Alkoholikerin und gab Tipps, wie man mit dem Rauchen aufhört.

Als zweiter Punkt, der mir in den Sinn kommt, ist die Zeitung “The Telegraph” selbst, für die Tanya Gold regelmäßig schreibt. The Telegraph ist die meistverkaufte Zeitung in Great Britain gilt als traditionell konservativ ausgerichtet. Zum einen verkauft sich die Zeitung besser, wenn sie eine kontroverse Meinung vertritt, die für jedermann begreiflich ist und zum anderen ist Female Empowerment nicht gerade als traditionell konservativ einzuordnen.

Ganz nach dem Motto “Negative Aufmerksamkeit ist besser als keine Aufmerksamkeit” ist es immer noch salonfähig Menschen und insbesondere Frauen hinsichtlich ihres Aussehen und Körpers zu diskriminieren und klein zu halten. Aus diesem dritten Punkt speist sich meines Erachtens der emotionale Shitstorm, der aktuell über den Artikel von Tanya Gold wütet.

Jahrelang wurden dicken Frauen erzählt, dass sie faul und unsportlich seien. Dass sie zum Abnehmen doch einfach gesünder essen und mehr Sport machen sollen. Überall war und ist zu lesen, welche gesundheitlichen Risiken durch Adipositas entstehen und was für eine Belastung dicke Menschen für die Gesellschaft wären.

Mit all diesen negativen Gedanken und Mahnungen im Kopf haben sich dann einige Dicke ein Herz gefasst und haben angefangen Sport zu machen. Zu allem Überfluss kamen dann noch die nach, die einfach nur Lust auf Bewegung hatten. Und all diese Menschen wollten Sportkleidung beim Sport anziehen oder sich einfach nur durch moderne Sportkleidung motivieren, am Ball zu bleiben.

Dazu kommt, dass Frauen anfangen die Glaubessätze ihrer Vergangenheit zu hinterfragen, sich emanzipieren, zu Interessengruppen zusammenschließen und Themen öffentlich ansprechen. Sie wollen selber entscheiden, was Schönheit für sie persönlich bedeutet und was sie glücklich macht. Einige fordern sogar, auch real gleichgestellt zu werden mit den Männern. Sie wollen mitdiskutieren, wenn es um Themen wie Abtreibung, Sexismus und die “Tampon-Steuer” geht.

Diese zwei Lager, konservativ und selbst bestimmend, treffen online aufeinander und diesmal war der Auslöser eine Schaufensterpuppe.

Ich möchte das keineswegs herunterspielen, vielmehr mich selber daran erinnern, dass es gut und vor allem notwendig ist, seine Meinung zu einer vermeintlichen Schaufensterpuppen-Diskussion laut zu sagen. Deshalb freue ich mich über jeden Kommentar derjenigen, die bei diesem Thema widersprechen und der Intoleranz die Stirn bieten. Was Tanya Gold da in ihrem Artikel geschrieben hat ist Body Shaming! Ohne wenn und aber. Dieser Artikel kritisiert nicht nur eine Schaufensterpuppe und die Sportmarke, die sie aufgestellt hat. Tanya Gold diskriminiert all die, die dick sind, Sport treiben, auf eine neue Hüfte warten oder an Diabetes leiden, da sie alle in einen Topf wirft und mit provokanter Gleichgültigkeit in ihrem Text abhandelt. Sie sorgt sich weder um die Gesundheit von Sportlern, noch macht sie konstruktive Vorschläge, wie die “gefährliche Lüge”, die NIKE da scheinbar verkaufen will, beseitigt werden könnte. Sie pöbelt einfach nur ohne Rücksicht auf all die, die sie mit ihren Worten verletzt und möglicherweise in ihrer persönlichen Entwicklung zurück wirft.

Abschließend sei noch auf den Wermutstropfen der ganzen Diskussion hingewiesen. Ich glaube nicht, dass sowohl NIKE als auch “The Telegraph” hierzu ein Statement abgeben werden. Ihnen kann es meines Erachtens egal sein, wie diese Diskussion ausgehen wird. Sie profitieren ohnehin beide von dieser medialen Aufmerksamkeit und werden dadurch mehr Produkte verkaufen und zusätzlich ihr Markenprofil schärfen können.

Darüber hinaus bleibt die Frage offen, ob Nike noch mehr Plus Size Schaufensterpuppen in den Geschäften aufstellen wird oder ob es bei der einen Puppe in London bleibt.

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